Zwei Verdrängungen

Der Morgen erwacht
In der Küche,
Mit dem Vater zusammen,
Der seine Frühstückseier
Mit dem Fleischerbeil
Halbiert,
Angedenk der Tage
Größter Mutterliebe.

Der Abend stirbt,
Die Sonne verblutet
Ins Meer
Und geht unter
Als Konterfei
Eines Gedankens
An alles Gestorbene.

Hauptstadt im Sommer

… dann geht alles dahin –
In häuserweiten Flüssen
Tränt der Beton das Glas die Fernseher das Blei
Der allzu großen Todesstadt
Als Rinnsal in die Gossen.

Alles geht dahin –
Denn alles ist verloren,
Nichts ist mehr verblieben
Als ein bisschen Fleisch ein bisschen Dreck ein bisschen Knochen
(vielleicht ein letztes Hemd an einem Stahlträger).

Denn alles ist vergessen,
Was nicht in Glas in Stahl in Silizium in Beton
Verwandelt war,
All dies geht dahin, was nie ganz echt gewesen war;
Und alles, das gewesen war, geht mit hinweg
In einen Himmel aus Metall,
Der unbedeutsam schmilzt
Und
In die Gosse folgt.

Alles geht dahin
Und nur der Angstschrei kalter Nichtigkeit
Schwebt stockend in entleerter Luft.

Neben der Spur

Der Fluss zeigt sich
Gesäumt von Altmetall,
Und Glasbruch
Sammelt sich
Zur Sammellinse
Im neuen Licht –

Die Kormorane sterben
Wilde Gitterbilder
In Metallskeletten
Abgelöschter,
Ausgebrannter Tanker;
Und
Wo das Wasser strahlt,
Da strahlst du hell zurück.

Irgendwo ging hier
Einmal das Leben aus,
Doch damals waren die
Zertrennten Telegraphenmasten
Keine Kalmar-Raumschiffe
Und Metallgestänge gleichsam
Keine Wucherranken.

Du bist neben der Spur
Des Flusses,
Und es sammelt sich
In dir das Wasser,
Steigt dir zu Kopfe,
Um mit selbigem voran
Ins hunderttausend Meter tiefe,
Hunderttausend Jahre alte,
Hunderttausend Gray strahlende,
Wasser zu springen.

Unentäußert

(inspiriert durch Georges Batailles Erzählung „Die Geschichte des Auges“)

Es treibt nach außen,
Und nach innen schnürt
Der Atem sich zusammen.
Die Flucht giert sich
Ins unsägliche Dort,
Wo dich das Umkehrglas
Ins Kleinste dann
Verstülpt.

Die leeren Hände fühl’n
Sich dir stets falscherorts,
Und Drang es sie
Ins Fleisch hinein,
Dann fand nirgends sich
Der Punkt, der nirgends ist,
Und sie vergingen nie.

Das Wort ver-dichtet sich
Doch nur in einem Schrei,
Der in Vergeblichkeit
Verharrt,
Und
Krächzt der Mund bald
Nach Entmündigung,
Dann ist im nächsten Schlag
Schon alles kondensiert
Zum stumpfen Fahrrad
(um fortzufahren).

Zweite Person / Ersatzprogramm

Du bist mir stets Zweites,
Wo das Erste mangelt,
Vertrittst an einem Platz
Die allbereiten Glieder,
Deren an der Zahl
Ich ungefähr
Ein halbes Dutzend brauche.

Die Röhre schaut aus dir,
Funkt mir die Wunschparade.
Versickert dir sodann
Im offenen Kanal das Blut,
Dann schau‘ ich Satellit,
Denn du bist das
Verdinglichte Selbst
An Stelle eines Menschen.

Nur ein Jahr

Nur ein Jahr,
Dann warten auf mich
Nur noch leere Teller,
Ein verschmutzter Topf,
Und es verwesen tote Säuger
Im schon lange warmen
Kühlschrank.

In einem Jahr
Besucht mich niemand,
Den ich sehen will, und nur
Die schwarzen Gäste gehen
Ein und Aus
Geht mir das Licht,
Wenn ich’s nicht brauche.

In einem Jahr,
Da wartet nur die
Vollgekotzte Spüle und
Ein Schrank voll Flaschen
Und ein Galgenstrick
Lugt manchmal von der Decke
Und manchmal hängt die Wäsche dran.

Noch ein Jahr,
Und das Uran fällt auf die Erde
Die Wolkenkratzer stürzen ein
Und die Panzer fahren ein.
Nero, Hitler und Konsorten
Erstehen wieder auf und
Fressen den Planeten.

Zurückschnellen

Das Zahnrad hat sich
Lange festgebissen,
Der Dorn reißt vorwärts
Nichts mehr ein,
Die Unruhe lässt ab
Und dreht dann
Rückwärts durch.

Die Welt schnellt falsch-
Herum am Kopf entlang,
Das Schwungrad bricht
Vergang’ne Schwüre
Und tickt sodann aus,
Um sich ins Feder-Bett
Hineinzustürzen.